Die Physik der Neuzeit stellt den Ton als periodische Schwingung dar, der sich in der Schwingungshäufig-keit als Ort auf der Zahlengeraden von anderen Tönen unterscheidet. Im Weltbild der Neuzeit ist dieses lineare Unterscheiden der Ordnungszusammenhang der Töne und der Welt allgemein. Töne unterscheiden sich aber nicht nur. Sie gleichen einander auch. Jeder Ton wiederholt sich im Ab-stand von Oktaven. Er kehrt wieder. In dieser Bewegung des Wiederkehrens liegt der Ursprung des Ein-zelnen und seiner Vielfalt. „Hörwerk“ ist ein Spiel mit 51 Tönen innerhalb der Oktave.

Töne

Das Vokalensemble “Hörwerk” wurde im Jahr 2012 gegründet. Heute arbeitet es international mit Komponist/innen und Musiker/innen der Neuen und Alten Musik zusammen. Künstlerisch und ideell ist es der “Datscha” verbunden.

Das musikalische Interesse von “Hörwerk” gilt der Vielfalt und Differenziertheit der Töne und ihrer Beziehungen zueinander. Die Mitglieder des Ensembles haben in langjähriger Übung zunehmend feinere Intervalle unterscheiden und singen gelernt. Heute können sie neben den bekannten zwölf Tönen mehr als fünfzig Töne innerhalb einer Oktave intonieren. Mit dieser Übungspraxis hat das Ensemble nicht nur bedeutende Grundlagen zur Wahrnehmung der Intervalle erarbeitet, sondern auch ganz neue musikalische Räume eröffnet.

Der “Ton” ist die Hörwahrnehmung einer Bewegung – der Ursprungsbewegung von “Wiederkehren”. In linearer zeitlicher Abwicklung erscheint diese Bewegung als periodische Schwingung.  Nehmen die Schwingungsperioden zweier Töne ein Verhältnis zweier natürlicher Zahlen zueinander ein, so zeigt sich ihr Zusammenklingen seinerseits als eine Bewegung von Wiederkehren und ist damit dasselbe wie der einzelne Ton. Die Wahrnehmung ist das “Zusammengehören” der beiden Töne.

Schwingungsverhältnisse zwischen Tönen, die einem Verhältnis zweier natürlicher Zahlen entsprechen, heißen “reine” Intervalle. Intervall bedeutet “Zwischenraum”. Das Schwingungsverhältnis definiert den Raum zwischen den Tönen. Das einfachste Verhältnis zweier natürlicher Zahlen, das Verhältnis 2:1 bildet eine Oktave. Ihr Raum wird von den weiteren Schwingungsverhältnissen fortlaufend in ungleiche Teile unterteilt. Die Oktave teilt sich in eine Quinte (3:2) und eine kleinere Quarte (4:3), die Quinte teilt sich in eine große Terz (5:4) und eine kleine Terz (6:5) usw. In dieser Weise gliedert sich der Raum in immer feinere Tonabstufungen. Sind sie kleiner als zwei unmittelbar benachbarte Töne auf dem Klavier, werden sie “Mikrointervalle” genannt.

Das Zusammengehören der Töne geht über Sprünge. In ihnen entfaltet sich eine unbegrenzte Vielfalt an Tönen unterschiedlicher Farbe und Tiefe. Um den musikalischen Reichtum dieses “harmonischen Raums” geht es dem Ensemble “Hörwerk”.

Richard Spaeth 2017

Hörwerk